Wenn die Flüsse Niedrigwasser führen – wer ist wirklich vorbereitet?
Wir alle haben die Schlagzeilen gelesen. Die Bilder der Dürre dieses Sommers sind noch immer präsent: die Rekordhitze, die sinkenden Wasserstände in den Flüssen, die auf dem Rhein gestrandeten Frachtschiffe und die steigenden Frachtkosten, die mit jedem weiteren Absinken des Pegelstands zunahmen. Diese Entwicklung wurde Tag für Tag aufmerksam verfolgt und umfassend und fundiert dokumentiert. Weit weniger Beachtung fand jedoch, was sich hinter den Kulissen abspielte – und mit etwas zeitlichem Abstand wird dies nun deutlicher. In den Produktionsbetrieben selbst zwang der Verlust einer zuverlässigen Wasserversorgung die Unternehmen dazu, ihre Produktion zu drosseln, Lieferketten umzuleiten und in einigen Fällen die Produktion ganz einzustellen. Die Wasserknappheit wirkte sich auch auf die Gemeinden rund um diese wichtigen Produktionsstandorte aus und gefährdete die Lebensqualität im Alltag, die lokale Beschäftigung, öffentliche Dienstleistungen und die sozioökonomische Gesundheit von Regionen, die sowohl auf eine zuverlässige Wasserversorgung als auch auf eine widerstandsfähige Industrie angewiesen sind. Genau dieser Aspekt ist für uns alle von größter Bedeutung. Hoffentlich ist uns inzwischen allen klar, dass die hohen Temperaturen des vergangenen Sommers keine Ausnahmeerscheinung waren, die es einfach zu überstehen und anschließend zu vergessen gilt. Vielmehr handelt es sich um dauerhafte Veränderungen der Rahmenbedingungen, unter denen wir arbeiten, die vorausschauende Planung und gemeinsames Handeln erfordern. Um die Wasserresilienz in Europa zu stärken, müssen Industrie, politische Entscheidungsträger, Lieferanten und Gemeinden zusammenarbeiten und konkrete Lösungen entwickeln, die den Wasserbedarf senken, die Wiederverwendung steigern und sowohl die Betriebskontinuität als auch unsere gemeinsamen, lebenswichtigen Ressourcen schützen. Tun wir genug, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie in einer Zukunft zu sichern, in der Wasser keine Selbstverständlichkeit mehr ist?
Ich leite das Downstream-Geschäft von Ecolab in Europa und arbeite eng mit langjährigen Kunden aus der Chemie-, Petrochemie- und Raffinerieindustrie zusammen. Viele dieser Unternehmen liegen am Rhein, an der Donau oder an der Seine und waren von den extremen Bedingungen dieses Sommers als Erste und besonders stark betroffen. In den vergangenen Monaten haben sich meine Gespräche mit diesen Kunden von konkreten geschäftlichen Prioritäten hin zu strategischeren Fragen verlagert: Wie können wir sie dabei unterstützen, ihre langfristige betriebliche Widerstandsfähigkeit und Betriebskontinuität zu stärken und so ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern?
Die Geschichte hinter den Schlagzeilen
Der Rhein ist weit mehr als eine malerische Wasserstraße. Er ist Deutschlands wichtigste Binnenfrachtader und verbindet Rotterdam und Antwerpen mit einigen der größten Chemiecluster Europas. Sinkt der Wasserstand unter einen kritischen Wert, sind die Folgen daher schnell zu spüren.
Anfang August war der Pegel bei Kaub auf rund 20 Zentimeter gefallen und hatte damit den Tiefststand der Dürre von 2018 unterschritten. Innerhalb weniger Tage sank er sogar auf etwa sieben Zentimeter. Kaub liegt am Mittelrhein in Westdeutschland zwischen Mainz und Koblenz, und der dort gemessene Pegelstand ist für die gesamte Branche maßgeblich. Berechnungen des Kiel Instituts zufolge geht die deutsche Industrieproduktion um knapp ein Prozent zurück, wenn der Pegel bei Kaub etwa einen Monat lang unter 78 Zentimetern bleibt. Die Frachtraten für Tankschiffe auf der Strecke von Rotterdam nach Karlsruhe haben sich innerhalb von sechs Wochen mehr als verdreifacht. Abgesehen von den Auswirkungen auf die Frachtkosten war vor allem der Zeitpunkt besorgniserregend: 2018 wurde der Tiefststand erst Ende Oktober erreicht, in diesem Sommer hingegen bereits im August.
In Frankreich sanken zwei Drittel der Grundwasservorkommen, aus denen der Großteil des Trinkwassers des Landes stammt, unter den Normalstand. Für 70 % des Landes galten Einschränkungen beim Wasserverbrauch. In den Niederlanden sank der Zufluss des Rheins bei Lobith auf etwa ein Drittel des üblichen Juliwerts und damit sogar unter den Rekordwert von 1976. Es geht also nicht nur um Schifffahrtswege. Die Gesundheit und der Wohlstand von Ländern und Gesellschaften sowie die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie hängen maßgeblich davon ab, in welchem Zustand sich Grundwasservorkommen und Brunnen befinden. Diese Wasserressourcen stehen heute mehr denn je unter Druck.
Ein Fluss erfüllt für uns zwei Funktionen zugleich: Er ist die Lebensader für den Gütertransport und liefert das Wasser, das unsere Produktionsanlagen kühlt und am Laufen hält. Eine Dürre gefährdet beides.
Die Auswirkungen der Wasserknappheit auf die Chemie- und Fertigungsindustrie in Europa
In den Schlagzeilen wurde bisher kaum thematisiert, dass Wasserknappheit auch die Energieversorgung und die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit Europas gefährdet. Es geht längst nicht mehr um eine Klimadebatte zwischen Nord und Süd, sondern um eine industriepolitische Priorität für die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Kontinents.
Wir haben erlebt, wie mehrere wichtige Chemiehersteller höhere Gewalt erklären mussten, weil kritische Rohstoffe nur per Schiff zu ihren Produktionsstandorten transportiert werden konnten und der niedrige Wasserstand dies nicht mehr zuließ.
Ein führender Stahlhersteller im Ruhrgebiet drosselte ebenfalls die Hochofenproduktion und stellte den eigenen Binnenschiffbetrieb ein. Weiter östlich zwangen niedrige Kühlwasserstände an der Donau das rumänische Kernkraftwerk Cernavodă zur Abschaltung. Das Kraftwerk liefert rund ein Fünftel des Stroms des Landes. Das ungarische Kraftwerk Paks, das knapp die Hälfte des nationalen Strombedarfs deckt, musste seine Leistung reduzieren und stellte eine vollständige Abschaltung in Aussicht.
Wasser kennt keine Grenzen. Der Rhein durchfließt vier Länder, bevor er ins Meer mündet, die Donau durchquert zehn. Wie zuverlässig ein Produktionsstandort in einem Land mit Wasser versorgt wird, kann davon abhängen, wie viel Wasser in einem anderen Land entnommen wird. Deshalb muss die Reaktion auf europäischer Ebene koordiniert werden.
Ein einmaliges Ereignis oder ein dauerhafter Wandel?
Es liegt nahe, das Jahr 2026 als „Ausnahmejahr“ abzuhaken und zur Tagesordnung überzugehen. Doch die Wissenschaft spricht dagegen. Forscher sind zu dem Schluss gekommen, dass der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit für einen heißen und trockenen europäischen Sommer deutlich erhöht hat. Sie warnen zudem, dass solche Bedingungen etwa doppelt so häufig auftreten könnten, wenn die globale Erwärmung weiter voranschreitet. Deutschland schätzt, in den vergangenen 25 Jahren rund 60 Milliarden Kubikmeter Wasser verloren zu haben. Die Bundesregierung beziffert die möglichen Kosten der Wasserknappheit bis 2050 auf knapp 625 Milliarden Euro.
Wir können nicht länger so planen, als wären Jahre mit Niedrigwasser seltene Ausnahmeereignisse. Sie werden zunehmend zu einem dauerhaften Bestandteil der Rahmenbedingungen, unter denen wir arbeiten.
Wenn sich dieser Trend fortsetzt, ist es kein bloßes Umweltthema mehr, Wasser als selbstverständlich verfügbar anzusehen. Vielmehr wird dies zu einem zentralen wirtschaftlichen Risiko für die Zukunft der Industrie und den Wohlstand der Gesellschaften in Europa. Einen dauerhaften Wandel können wir nicht länger wie eine saisonale Unannehmlichkeit behandeln. Wir müssen strategisch darauf vorbereitet sein, entsprechend investieren und rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen. Wenn sich bereits abzeichnet, wohin die Entwicklung führt, warum planen dann so viele von uns noch immer für den Ausnahmefall statt für den Regelfall? Ist uns wirklich bewusst, was auf dem Spiel steht?
Europa handelt. Zieht die Industrie mit?
Im Juni 2025 setzte die Europäische Kommission ihre Strategie für die Wasserresilienz um. Sie beruht auf dem Grundsatz „Wassereffizienz an erster Stelle“ und sieht vor, die Wassereffizienz in der EU bis 2030 um mindestens 10 Prozent zu steigern. Damit setzt sie klarere Leitlinien für die Umsetzung der bestehenden Wasserrahmenrichtlinie, die regelt, wie viel Wasser entnommen werden darf. Zugleich wird Wasser nicht mehr allein als ökologisches Thema betrachtet, sondern auch als Frage der Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit.
Auch die nationalen Regierungen verschärfen parallel ihre Vorgaben. Deutschland hat ein bundesweites Niedrigwassermonitoring eingeführt. Frankreichs Plan Eau sieht vor, die Wasserentnahmen bis 2030 um 10 Prozent zu senken. Dazu gehören eine verpflichtende Wasserverbrauchsmessung und Pläne zur sparsamen Wassernutzung für Industriestandorte. Auf dem Höhepunkt des Sommers galten in fast 70 Prozent des Landes Wasserbeschränkungen in irgendeiner Form. Spanien hat seine Dürrepläne erneuert, und die Niederlande haben ihre Maßnahmen gegen Wasserknappheit verschärft. Der gemeinsame Nenner ist überall derselbe: mehr messen, weniger Wasser entnehmen und Knappheit vorausschauend einplanen.
Die regulatorischen Vorgaben tragen zunehmend einer Realität Rechnung, die auch die Industrie erkennt: Wasser wird zu einer Frage der Wettbewerbsfähigkeit und nicht mehr nur der Compliance. Entscheidend ist jetzt, wie schnell Unternehmen Wasserresilienz in Wachstum, Betriebskontinuität und langfristige Wettbewerbsfähigkeit umsetzen können.
Die entscheidende Frage für die Unternehmensführung
Die Chemie- und Fertigungsindustrie hat gelernt, Energieversorgung und Sicherheit als zentrale Säulen operativer Exzellenz und eines Wettbewerbsvorteils wirksam zu managen. Diese 2 Säulen werden auf allen Ebenen – von der Unternehmensführung bis hin zu den Produktionsanlagen – konsequent gemessen, priorisiert, verantwortet und mit den nötigen Ressourcen ausgestattet. Wasser ist ebenfalls eine strategische Säule, auf die sich Unternehmen konzentrieren müssen.
Wie mein Kollege Geoff Townsend uns allen häufig in Erinnerung ruft: „Die tatsächlichen Wasserkosten beschränken sich nicht auf das, was auf der Versorgerrechnung steht. Sie hängen mit dem Energiebedarf, der Kühlleistung, dem Behandlungsaufwand, der Zuverlässigkeit der Produktion, dem Ausfallrisiko und letztlich den Gesamtkosten für den Betrieb einer Industrieanlage zusammen.“ Aus dieser Perspektive sind die Reduzierung, Wiederverwendung und das Recycling von Wasser nicht nur Maßnahmen zum Umweltschutz. Sie sind ein konkreter Weg zu mehr Effizienz, Kostenkontrolle und Resilienz und sollten mit derselben Dringlichkeit vorangetrieben werden wie andere betriebliche Verbesserungen mit hoher Priorität. Das bedeutet auch, dass wir die Wechselwirkung zwischen Wasser und Energie als zentrale betriebliche Realität begreifen müssen – und nicht als zwei getrennte Prioritäten, die nacheinander angegangen werden.
Angesichts der sich verändernden Wasserverfügbarkeit, regulatorischen Vorgaben und Erwartungen der Gemeinden muss die Wasserresilienzstrategie auf Vorstandsebene thematisiert werden. Für Unternehmen, die ihre Betriebskontinuität sichern, Kosten kontrollieren und ihre Widerstandsfähigkeit stärken wollen, ist sie unverzichtbar. Die regulatorischen Vorgaben in Europa legen zunehmend Wert auf einen verantwortungsvollen Umgang mit Wasser und langfristige Resilienz. Zugleich erwartet die Öffentlichkeit, dass die Industrie gemeinsam genutzte Wasserressourcen verantwortungsvoll und im Einklang mit den Bedürfnissen der Gemeinden bewirtschaftet.
Umweltverantwortung und unternehmerische Resilienz werden zunehmend gemeinsam betrachtet. Die Abhängigkeit von Süßwasser zu verringern, den Wasserverbrauch und die Herkunft des Wassers an jedem Standort genau zu kennen sowie Kühl-, Heiz- und Produktionsprozesse widerstandsfähiger zu gestalten, sind längst nicht mehr nur Fragen der Compliance. Es sind konkrete Maßnahmen, die dazu beitragen können, den kontinuierlichen Betrieb zu sichern, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und die langfristige Zukunftsfähigkeit der Industrie in Europa zu gewährleisten. In Gesprächen mit unseren Kunden beobachten wir, dass die Bereitschaft wächst, einen positiven Beitrag zu leisten. Jetzt gilt es, aus der Erkenntnis breiter angelegte und schnellere Maßnahmen abzuleiten und Lösungen auszuweiten, die Wassereffizienz, Wiederverwendung und Resilienz fest im täglichen Betrieb von Industriestandorten verankern. Der Schutz gemeinsamer Wasserressourcen und die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie hängen zunehmend zusammen. Je früher Wasserresilienz als zentrale betriebliche Priorität behandelt wird, desto besser sind unsere Unternehmen und Gemeinden für die Zukunft aufgestellt.
Mit ein paar Wochen Abstand sehe ich 2026 als eine Warnung an, und sie kam frühzeitig. Ob wir diesen Sommer als einmalige Herausforderung betrachten oder als den Moment, in dem sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert haben: Es liegt in unserer Verantwortung, die Initiative zu ergreifen und Maßnahmen zur Stärkung der Wasserresilienz in Europa umzusetzen. Die Flüsse haben sowohl Europas industrielle als auch politische Entscheidungsträger mit derselben Frage konfrontiert: Werden wir Wasserresilienz weiterhin als Reaktion auf Dürreperioden behandeln, oder sie zu einer zentralen Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit, Energiesicherheit und gesellschaftliches Wohlergehen machen?
Sie möchten mehr über die operative Seite der Wasserresilienz erfahren? Entdecken Sie technische Lösungsansätze, die Unternehmen dabei unterstützen, auf zunehmende Wasserknappheit zu reagieren.
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